Der Siebdruck in der Künstlergrafik

Eva Pietzcker, Siebdruck mit Wasserfarben, 70
x 100 cm, 1995
Der Siebdruck hat sich im 20. Jahrhundert neben
den klassischen Druckverfahren Hoch-, Tief- und Flachdruck sowohl
im künstlerischen als auch im kommerziellen Bereich etabliert.
Das Prinzip des Siebdrucks geht auf die Schablonentechnik
zurück. Die Druckform, das Sieb, das aus einem auf einen Rahmen
gespannten, feinmaschigen Gewebe besteht, bleibt an den zu druckenden
Stellen farbdurchlässig. Nicht zu druckende Teile werden zur
Farbhemmung abgedeckt.
Die Farbübertragung geschieht mittels einer Gummirakel, die
die Farbe durch die offenen Partien des Gewebes auf das Papier oder
einen anderen Druckträger presst.
Im Vergleich zu den anderen oben genannten Druckverfahren zeichnet
sich der Siebdruck aus durch eine hohe Farbkraft mit pastosem Farbauftrag,
die Möglichkeit, Materialien verschiedenster Art und Form zu
bedrucken und geringe Herstellungskosten. Auch Großformate
sind im Siebdruck kostengünstig und mit relativ geringem Aufwand
zu bewerkstelligen.
Diese Charakteristika haben den Siebdruck für viele Künstler
zu einem attraktiven neuen Medium gemacht.
Der für die Künstlergrafik eingeführte Begriff "Serigraphie"
sowie die englische Bezeichnung "silkscreen" bezieht sich
auf das ursprüngliche Bespannmaterial der Siebe (griech. Seri
= Seide), das inzwischen durch synthetische Gewebe (Nylon, Polyester)
ersetzt wurde.
Geschichte
Der Siebdruck leitet sich von der Schablonentechnik
her, die zu den ältesten künstlerischen Verfahren zählt.
Schon in prähistorischen Höhlenmalereien fand man neben
Darstellungen von Jagdszenen schablonierte Hände, deren Umrisse
mit Hilfe eines Blasrohrs und Pigmenten auf die Felswand aufgesprüht
wurden. In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung wurden
im Mittelmeerraum aus Holz gefertigte Schrift- und Dekorationsschablonen
eingesetzt. Im 15. und 16. Jahrhundert bildete sich der Beruf des
Schablonenschneiders und -druckers heraus, der die in Holzschnitt
gedruckten Heiligenbilder oder Spielkarten kolorierte.
In China und Japan nahm das Schablonenverfahren seit jeher in der
Stoffdekoration einen breiten Raum ein.
Die Japaner verfeinerten die Technik und kamen mit ihren Stofffärberschablonen,
bekannt geworden unter dem Namen Katagami-Technik, dem späteren
Siebdruckverfahren sehr nahe. Schon im 17. Jahrhundert waren Papierschablonen
bekannt, deren feine Motive durch Haare oder Seidenfäden stabilisiert
worden waren. Später wurden diese Schablonen noch verbessert,
indem sie aus zwei Lagen geöltem, zähen Maulbeerpapier
gefertigt wurden. Zwischen diese wurde ein Netz aus feinsten Fäden
geklebt, das wiederum auf einem Rahmen aus Karton, später auch
Holz, befestigt war. Durch diese dem heutigen Sieb sehr ähnliche
Konstruktion wurde die Farbe mit einer Art Bürste gedrückt.
Allerdings wurden die Textilien meist im Negativdruck mit einem
stärkehaltigen Auftrag bedruckt, der den später eingefärbten
Stoff an den bedeckten Stellen vor der Einfärbung bewahrte
und danach wieder herausgelöst wurde, ähnlich dem Batikverfahren.
Im 19. Jahrhundert wurden nach der Beendigung der japanischen Isolation
im Jahre 1853 auf den Weltausstellungen japanische Textilien gezeigt
und sehr bewundert. Kurz darauf begann man in England und Frankreich
erstmals mit Seidengewebe bespannte Holzrahmen mit einer Schablone
aus imprägniertem Papier für den Stoffdruck zu verwenden.
1907 ließ der Engländer Samuel Simon sich das Verfahren
patentieren.
Weitere Entwicklungen wurden in England, aber besonders in den USA
vorangetrieben. Zuerst begrenzte sich die Anwendung auf die Stoffdekoration
oder Schilderbeschriftung, schnell wurden dann auch grafische Bereiche
erschlossen.
Als künstlerisches Ausdrucksmittel trat der Siebdruck als erstes
bei den Amerikanern in Erscheinung, wo seit den 1930er Jahren Originalsiebdrucke
in Ausstellungen gezeigt wurden und zunehmende Anerkennung auf dem
Kunstmarkt erfuhren.
In Europa eroberte der Siebdruck den kunstgrafischen Bereich erst
nach dem Zweiten Weltkrieg. Wichtige Protagonisten der Anfänge
des künstlerischen Siebdrucks in Europa waren der Drucker Poldi
Domberger und der Maler Willi Baumeister, deren fruchtbare Zusammenarbeit
den Siebdruck als künstlerisches Verfahren in Deutschland salonfähig
machte.
In Frankreich fiel die Einführung des Siebdrucks auf fruchtbaren
Boden, da einige Künstler schon begonnen hatten, in Schablonentechnik
("Pochoir") zu arbeiten, um Grafiken zu kolorieren oder
Gouachen zu reproduzieren, so z.B. Henri Matisse, der seinen Zyklus
"Jazz" 1947 als Pochoir druckte.
Einen weiteren internationalen Aufschwung erfuhr der Siebdruck in
den 1960er Jahren durch den Einfluss der Pop-Artisten und ihr neues
Bewusstsein im künstlerischen Schaffen. Sie machten die Reproduktion
und die Wirkung der Medien zum Thema der Kunst und fanden in dem
kostengünstigen, aus der Werbegrafik stammenden Druckverfahren
ein ideales Ausdrucksmittel. Bevorzugtes Medium auch für die
Vertreter der Op-Art, avancierte der Siebdruck in den späten
1960er und 70er Jahren zum beherrschenden kunstgrafischen Verfahren.
Wichtige Künstler dieser Pionierszeit waren Harry Sternberg,
Roy Liechtenstein, Andy Warhol, Robert Indiana, Nicholas Krushenik,
Victor Vasarely, Josef Albers, R.B.Kitaj, Robert Rauschenberg, Richard
Hamilton und viele andere.
Inzwischen ist der Siebdruck in der Künstlergrafik
ein international verbreitetes und beliebtes Gestaltungsmittel.

Miriam Zegrer, "Jahresblatt der Wimperntiere
und Mehrzeller", Offset (schwarz) und Siebdruck (grün),
2004
Technik
Der Siebdruck zählt zu den Durchdruckverfahren:
die Farbe wird durch die Druckform gedruckt.
Die Anfertigung der Druckform besteht darin, das Siebgewebe stellenweise
undurchlässig zu machen, entweder durch manuelles Abdecken
oder durch photochemische Techniken.
Die einfachste Methode ist, an der Siebunterseite präparierte
Papiere oder Schneidefilme zu befestigen, aus denen das Motiv scherenschnittartig
herausgearbeitet wurde. Eine andere manuelle Variante ist das Block-out-Verfahren,
bei dem mit einer Füllflüssigkeit auf das Sieb gezeichnet
wird, um alle bildfreien Stellen des Gewebes zu schließen.
Im künstlerisch-experimentellen Bereich gibt es noch vielfältige
andere manuelle Abdecktechniken, die ein kreatives Arbeitsfeld bieten.
Die heute üblichste und meist verbreitete Methode ist jedoch
die photochemische Übertragung zuvor gefertigter, transparenter
Positivfilme.

Abb.: Beschichten des Siebs
Hierfür wird das Sieb mit einer lichtempfindlichen
Emulsion bestrichen, getrocknet, mit UV-Licht bestrahlt und danach
ausgewaschen. Während der Belichtung liegt der Positivfilm
mit dem Druckmotiv zwischen dem Sieb und der Lichtquelle (möglichst
in einer Vakuumvorrichtung). Die nicht belichteten Stellen der Emulsion
bleiben löslich und werden ausgewaschen, um das Gewebe hier
farbdurchlässig zu erhalten. Die belichteten Partien dagegen
härten aus und schließen so die Gewebeporen.
Der Positivfilm kann wiederum sowohl manuell mit zeichnerisch-malerischen
Mitteln, als auch mittels der Photographie hergestellt werden. Grundsätzlich
geht es darum, das Motiv lichtundurchlässig auf einer durchsichtigen
Folie anzubringen.
Für alle beschriebenen Verfahren gilt, dass pro Druckfarbe
ein Sieb angefertigt wird und Tonwerte nur entweder durch zahlreiche
Druckgänge verschiedener Farbabstufungen oder mit Hilfe einer
Rasterstruktur wiedergegeben werden können.

Abb.: Druck
Als Druckfarben dienten ursprünglich
Ölfarben, inzwischen aber auch wasserlösliche Farben,
was für die Drucker einen großen Vorteil angesichts der
Reduzierung gesundheitsschädlicher Lösemittel bedeutet.
Durch ein partielles Übereinanderdrucken transparenter Farbschichten
kann man in nur wenigen Druckgängen eine überraschende
Fülle an Farbtönungen erzielen (mit 6 Druckfarben bis
zu 63 verschiedene Töne!).
Für den Druck wird das Sieb mittels einer Scharniervorrichtung
auf dem Drucktisch befestigt, das Papier darunter platziert und
das Sieb gesenkt, so dass es sich parallel zum Druckträger
in einem Abstand von 1-5mm befindet. Mit einer Gummirakel wird dann
die auf das Sieb gegebene Farbe durch die geöffneten Stellen
des Gewebes gedrückt. Nun wird das Sieb angehoben, frisch mit
Farbe überzogen und ein neues Blatt eingelegt. Dieser Vorgang
wird für jede Farbe wiederholt. Die fertigen Drucke trocknen
auf einem Trockengestell.
Der beschriebene Vorgang bezieht sich auf das Grundprinzip einer
Handpresse - natürlich gibt es auch zahlreiche Varianten semimanueller
Pressen, die aber hauptsächlich im kommerziellen Bereich eingesetzt
werden.
Miriam Zegrer, 2004
Zum Seitenanfang
Copyright Eva Pietzcker und Miriam Zegrer
|